Anlass für die Analyse ist eine Prognose von Demis Hassabis, Mitgründer von Google DeepMind und Chemie-Nobelpreisträger 2024. Er geht davon aus, dass KI innerhalb der nächsten zehn Jahre dabei helfen könnte, die meisten Krankheiten behandelbar oder heilbar zu machen. Sollte sich diese Einschätzung bewahrheiten, könnte dies nach Ansicht der Bank einen tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel auslösen.
KI beschleunigt die Entwicklung neuer Medikamente
Die Hoffnung vieler Forschender richtet sich auf den Einsatz von KI in der Medizin. Während die Entwicklung neuer Medikamente heute oft mehr als zehn Jahre dauert und hohe Kosten verursacht, könnte KI diesen Prozess erheblich beschleunigen. Statt auf langwierige Versuchsreihen zu setzen, ermöglichen digitale Simulationen die Analyse und Entwicklung neuer Wirkstoffe am Computer.
Ein prominentes Beispiel ist AlphaFold, eine KI-Anwendung von DeepMind. Sie kann die dreidimensionale Struktur von Proteinen vorhersagen und damit wichtige Erkenntnisse für die Medikamentenforschung liefern. Die Technologie gilt als Meilenstein. Forschende weltweit hatten in rund 60 Jahren die Struktur von lediglich etwa 0,1 Prozent der mehr als 200 Millionen bekannten Proteine entschlüsselt. AlphaFold konnte die Strukturen der übrigen Proteine innerhalb von weniger als einem Jahr vorhersagen. Dies verdeutlicht das enorme Potenzial von KI, wissenschaftliche Durchbrüche erheblich zu beschleunigen.
Darüber hinaus arbeiten Wissenschaft und Industrie an sogenannten digitalen Zwillingen von Zellen und Organen. Mit ihrer Hilfe könnten Millionen möglicher Wechselwirkungen neuer Wirkstoffe simuliert werden, bevor diese überhaupt hergestellt werden. Dies könnte Entwicklungszeiten von Jahren auf wenige Monate verkürzen.
Fokus auf Gesundheitsspanne statt Lebensverlängerung
Aus Sicht der SEB erscheint ein Szenario mit deutlich längerer und gesünderer Lebenszeit realistischer als die Vorstellung eines „ewigen Lebens“. Viele Forschende gehen davon aus, dass Menschen zwar weiterhin altern werden, jedoch deutlich weniger Jahre mit schweren Erkrankungen oder Pflegebedürftigkeit verbringen könnten, vor allem in den letzten 15 bis 20 Lebensjahren.
Gerade für Europa, das wie viele andere Regionen auf der Welt mit einer alternden Bevölkerung konfrontiert ist, hätte dies erhebliche Bedeutung. Die wirtschaftlichen Herausforderungen des demografischen Wandels hängen maßgeblich davon ab, wie lange Menschen gesund und selbstständig bleiben.
Potenzial für Wachstum und höhere Produktivität
Eine der größten Belastungen für moderne Sozialsysteme besteht darin, dass Menschen einen wachsenden Teil ihrer Lebenszeit mit gesundheitlichen Einschränkungen verbringen. Künstliche Intelligenz könnte dies ändern. Die wirtschaftlichen Auswirkungen einer längeren gesunden Lebensphase könnten beträchtlich sein. Ältere Menschen hätten die Möglichkeit, länger erwerbstätig zu bleiben, Unternehmen zu führen oder ihre Erfahrung in den Arbeitsmarkt einzubringen. Gleichzeitig könnten die Kosten für die Behandlung chronischer Erkrankungen sinken.
Der Ökonom Andrew J. Scott von der London Business School spricht in diesem Zusammenhang von einer „Longevity Dividend“. Nach seinen Berechnungen kann bereits ein zusätzliches gesundes Lebensjahr einen volkswirtschaftlichen Nutzen von rund drei bis vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts pro Jahr erzeugen, unter anderem durch höhere Produktivität und geringere Gesundheitsausgaben.
Historische Erfahrungen zeigen zudem, dass medizinische Innovationen häufig innerhalb weniger Jahre einer breiten Bevölkerung zugänglich werden. Gleichzeitig weist die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte auf eine weitere Herausforderung hin: Neue medizinische Technologien haben die Gesundheitsausgaben insgesamt oftmals erhöht, weil dadurch zusätzliche Krankheiten und Beschwerden behandelt werden konnten und Menschen länger mit chronischen Erkrankungen lebten. Damit KI diesen Trend durchbrechen kann, müsste sie vor allem dazu beitragen, Krankheiten zu verhindern, bevor sie entstehen, anstatt bestehende Behandlungen lediglich zu verlängern oder zu optimieren.
Herausforderungen für Renten- und Sozialsysteme
Sollten die Fortschritte in der KI-gestützten Medizin tatsächlich so schnell eintreten, müssten jedoch zahlreiche gesellschaftliche Errungenschaften neu gedacht werden. Insbesondere Renten- und Sozialsysteme stehen vor grundlegenden Fragen: Wie lange werden Menschen arbeiten wollen, wenn sie mit 70 oder 80 Jahren noch gesund und leistungsfähig sind? Wie müssen Altersvorsorge und Gesundheitsversorgung an eine deutlich höhere gesunde Lebenserwartung angepasst werden?
Nach Einschätzung der SEB liegt hierin eine der größten langfristigen Herausforderungen einer erfolgreichen KI-basierten Entwicklung im Gesundheitswesen.
KI als Treiber eines umfassenden Strukturwandels
Ob KI die von Hassabis prognostizierten medizinischen Durchbrüche innerhalb eines Jahrzehnts ermöglichen wird, bleibt offen. Fest steht jedoch, dass die Technologie das Potenzial besitzt, weit über den Gesundheitssektor hinaus wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen.
Die SEB kommt zu dem Schluss, dass Künstliche Intelligenz die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen grundlegend verändern könnte. Die möglichen Auswirkungen auf Produktivität, Arbeitsmarkt, Gesundheitssysteme und demografische Entwicklungen zählen damit zu den wichtigsten Zukunftsthemen für die Weltwirtschaft.
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