Angesichts der früheren starken Abhängigkeit von russischem Erdgas ist es für Deutschland besonders wichtig, neue Energielösungen zu entwickeln, die die Abhängigkeit nicht nur von Russland, sondern auch von China verringern.
Nach der Pandemie stagnierte die deutsche Wirtschaft bis Ende vergangenen Jahres. Die Industrie wurde durch die Energiekrise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine, den zunehmenden Wettbewerb aus China, ein unsicheres geopolitisches Umfeld und zurückhaltende Verbraucher belastet. Dies hat die Wirtschaft erheblich beeinträchtigt. Als der Konflikt im Nahen Osten im Frühjahr eskalierte, gingen viele davon aus, dass Deutschland aufgrund seiner hohen Abhängigkeit von fossilen Energieträgern in eine neue Energiekrise geraten würde.
Aktuelle Prognose für 2026 – Beschleunigtes Wachstum bei bestehenden Risiken
Die Befürchtungen erwiesen sich jedoch als übertrieben. Die Abwärtskorrekturen der Wachstumsprognose für Deutschland, die die SEB zu Jahresbeginn vorgenommen hatte, ersetzte die Bank im Sommer durch Aufwärtskorrekturen.
Die aktuelle Prognose der SEB Analystinnen und Analysten von knapp unter einem Prozent Wachstum für dieses Jahr (BIP 0,9 Prozent für 2026) könnte sich sogar noch als zu vorsichtig erweisen. Das erste Halbjahr verlief stärker als erwartet, das Bruttoinlandsprodukt ist drei Quartale in Folge gestiegen. Selbst die Sommerdürre mit rekordniedrigen Wasserständen auf dem Rhein, einer der wichtigsten Verkehrsadern Europas, hat das Wachstum nicht gebremst. Auch Indikatoren wie der Einkaufsmanagerindex und der Ifo-Geschäftsklimaindex deuten auf eine schrittweise Verbesserung der wirtschaftlichen Aktivität hin.
Das Wachstum im ersten Halbjahr wurde vor allem vom Export getragen. Viele Unternehmen haben ihre Lagerbestände aufgestockt, da sie aufgrund des Konflikts im Nahen Osten mögliche Lieferkettenstörungen befürchteten. Es besteht allerdings das Risiko, dass sich dieser Exporteffekt in den kommenden Quartalen wieder umkehrt. Ein weiteres Risiko sind die derzeit niedrigen Erdgasreserven, die im kommenden Winter problematisch werden könnten. Darauf weisen bereits die hohen Erdgaspreise hin, die die Produktion dämpfen und die Inflation erhöhen könnten.
Impulse und Bremser für das Wirtschaftswachstum
Die umfangreichen Investitionen in Infrastruktur und Klimaschutz in Höhe von rund 500 Milliarden Euro über einen Zeitraum von zwölf Jahren sowie die höheren Verteidigungsausgaben, die die Regierung von Bundeskanzler Friedrich Merz im Jahr 2025 beschlossen hat, werden der Wirtschaft zusätzliche Impulse verleihen. Die Unsicherheit bleibt jedoch hoch. Entscheidend wird es sein, dass diese Investitionen andere bereits geplante Projekte nicht verdrängen.
Gleichzeitig bleiben mehrere Faktoren bestehen, die das langfristige Wachstum, das die SEB auf knapp unter 0,5 Prozent schätzt, bremsen könnten. Dazu zählen vor allem das schwache Produktivitätswachstum (laut des deutschen Wirtschaftsinstituts IW 0,3 Prozent pro Jahr zwischen 2020 und 2024 gegenüber durchschnittlich 1 Prozent im Jahrzehnt zuvor) sowie die alternde Bevölkerung. Die Industrie muss ihre Geschäftsmodelle überprüfen und ihre im internationalen Vergleich hohen Kosten senken.
Auch die Energiewende bleibt unverzichtbar. Aufgrund der früheren starken Abhängigkeit von russischem Erdgas ist es für Deutschland besonders wichtig, neue Energielösungen zu finden, die die Abhängigkeit nicht nur von Russland, sondern auch von China reduzieren.
Bundeskanzler Merz sieht sich gleichzeitig mit historisch niedrigen Zustimmungswerten konfrontiert. Nach Ansicht vieler Unternehmen kommen die Reformen zu langsam voran. Dies liegt teilweise daran, dass die Zusammenarbeit zwischen der CDU/CSU und der SPD insbesondere bei Renten- und Haushaltsfragen von Spannungen geprägt ist. Der Druck auf Merz, Reformen umzusetzen, ist groß, nicht zuletzt nach den jüngsten Verlusten der CDU bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Laut einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen vom September 2026 sind 79 Prozent der Befragten der Meinung, dass Merz seine Aufgabe eher schlecht erfüllt, während lediglich 17 Prozent seine Leistung positiv bewerten.
Zunehmender politischer Druck
Auch innerhalb der eigenen Partei steht Merz unter erheblichem Druck. Ein klarer Nachfolger ist jedoch nicht in Sicht. Gleichzeitig hat Merz deutlich gemacht, dass er seine Reformagenda in den Bereichen Steuern, Renten und Gesundheitssystem weiterverfolgen will. Damit steigt das Risiko eines politisch turbulenten Herbstes.
Der wachsende Zuspruch für politische Parteien an den linken und rechten Rändern des politischen Spektrums spiegelt vor allem die zunehmende Unzufriedenheit vieler Wählerinnen und Wähler mit der wirtschaftlichen Entwicklung wider. Ein anhaltender wirtschaftlicher Aufschwung könnte den Druck auf Merz jedoch verringern.
Auswirkungen auf Schweden und Gesamteuropa
Europa und insbesondere Schweden benötigen ein starkes Deutschland. Die deutsche Wirtschaft steht für nahezu 25 Prozent der Wirtschaftsleistung der Europäischen Union. Deutschland ist zudem der wichtigste Exportmarkt Schwedens – rund zehn Prozent der schwedischen Warenexporte gehen nach Deutschland. Eine starke deutsche Wirtschaft kommt daher auch der schwedischen Industrie zugute.
Für schwedische Unternehmen ist es deshalb entscheidend, die wirtschaftliche Erholung Deutschlands aufmerksam zu verfolgen und sich rechtzeitig auf die anstehenden Transformationsprozesse vorzubereiten, insbesondere in den Bereichen Verteidigung, Energie und Digitalisierung, in denen Schweden über besondere Stärken verfügt.
Pia Fromlet
Dr. phil., Makroökonomin bei der SEB in Stockholm
Der Text basiert auf einem Artikel von Pia Fromlet in der Zeitung Dagens Industri, der in Schweden erschienen ist.