Zur Suchfunktion wechseln Zum Inhalt

Biodiversität - das nächste große Thema bei Nachhaltigkeit

Zurzeit steht der Klimagipfel COP26 weltweit im Mittelpunkt des Interesses. Bis zu einem gewissen Grad hat dies die COP15, die UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt, überschattet, die in diesem Herbst stattfand. Viele glauben, dass Biodiversität das nächste große Thema im Rahmen der Nachhaltigkeitsdiskussion darstellt.

"Unternehmen und Investoren stehen in den Startlöchern, um aktiver mit der biologischen Vielfalt zu arbeiten. Aber die Unsicherheit ist groß, und es gibt viele Fragen. Wir werden eine wichtige Rolle dabei einnehmen, das Wissen zum Thema zu erweitern, die Unternehmen bei der Erarbeitung wissenschaftlich fundierter Ziele zu unterstützen und innovative Finanzierungslösungen zu entwickeln", sagt Susanne Gløersen, mitverantwortlich für Sustainable Banking in Norwegen.

Sie war eine der Rednerinnen auf dem SEB Seminar im Oktober zum Thema biologische Vielfalt. Zu den Teilnehmerinnen und Teilnehmern gehörten unter anderem Vertreter der großen norwegischen Unternehmen Storebrand und Hydro, die darüber sprachen, wie sie mit diesem Thema umgehen. Auf der Rednerliste standen zudem Expertinnen und Experten des WWF und anderer Interessenorganisationen.

UN-Konvention

Im Jahr 1992 verabschiedete die UNO das Übereinkommen über Biodiversität, in dem die biologische Vielfalt als die Variabilität der lebenden Organismen aus allen Quellen, einschließlich der terrestrischen, marinen und anderen aquatischen Ökosysteme, definiert wird. Die Konvention wurde von 195 Ländern ratifiziert, aber trotzdem nimmt die biologische Vielfalt weiter ab. Nach Angaben des WWF ist die Zahl der Säugetiere, Vögel, Fische, Reptilien und Amphibien zwischen 1970 und 2016 um 68 Prozent zurückgegangen.

Im Oktober wurde die 15. UN-Biodiversitätskonferenz (COP15) eröffnet. Sie sollte eigentlich 2020 starten, wurde aber wegen der Pandemie verschoben. Die Konferenz gliedert sich nun in eine virtuelle Phase, die im Oktober stattfand, und eine Präsenzphase, die im Frühjahr 2022 in Kunming, China, stattfinden wird.

"Ziel der COP15 ist es, Schutzmaßnahmen zu verbessern und den Wiederaufbau der Ökosysteme voranzutreiben. Zudem müssen sich die Teilehmenden auf globale Ziele für die biologische Vielfalt einigen, so wie es auch für das Klima der Fall ist. Dies wird dazu führen, dass von Unternehmen und Investoren erwartet wird, dass sie ihre eigenen Ziele festlegen, die mit den globalen übereinstimmen", sagt Susanne Gløersen.

Klima und biologische Vielfalt sind natürlich miteinander verknüpft. Gesunde Ökosysteme, insbesondere Wälder und Ozeane, haben eine große Kapazität, Kohlendioxid zu binden. Zudem ist die Notwendigkeit, die globale Erwärmung zu reduzieren, groß, da dies das Risiko des Aussterbens von Arten verringert.

"In Bezug auf das Klima haben die Unternehmen die Möglichkeit, wissenschaftlich fundierte Ziele für die Emissionsreduzierung festzulegen, die mit den Zielen des Pariser-Abkommens übereinstimmen und von der Science Based Targets Initiative genehmigt werden. Wir sehen jetzt, wie sich die Konturen einer ähnlichen wissenschaftsbasierten Zielsetzung für die Natur herausbilden", sagt Susanne Gløersen.

Frage des Überlebens

Die biologische Vielfalt ist nicht nur eine Frage des Schutzes bedrohter Arten, sondern ebenso wie das Klima eine finanzielle Frage für Unternehmen und Investoren. Laut der jährlichen Risikobewertung des WWF stellt die biologische Vielfalt zusammen mit dem Klima eine der größten wirtschaftlichen Herausforderungen der kommenden zehn Jahre dar. Etwa die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandsprodukts ist von der biologischen Vielfalt abhängig.

Der Verlust der biologischen Vielfalt führt zu physischen Risiken in Form von Naturkatastrophen und Problemen mit invasiven Arten, Wasserknappheit, der Ausbreitung von Krankheiten und Bodendegradation. Dies wiederum führt zu großen finanziellen Risiken.

"Ein deutliches Beispiel für das finanzielle Risiko einer geschwächten Vielfalt sind Unternehmen, die in der Landwirtschaft und der Lebensmittelproduktion aktiv sind. 76 Prozent unserer essbaren Rohstoffe und Nutzpflanzen sind von Bienen und anderen Bestäubern abhängig. Der Rückgang der Bienenpopulationen wirkt sich auf die gesamte Lieferkette aus und bedeutet für Unternehmen wie Orkla einen finanziellen Verlust, da der Zugang zu Rohstoffen erschwert wird und die Preise höher und unbeständiger sind", sagt sie.

Erhöhtes Bewusstsein

Das Bewusstsein für dieses Thema ist in der Wirtschaft gewachsen, aber es gibt immer noch viele Unternehmen, denen eine klare Strategie für die biologische Vielfalt fehlt. Laut einer Umfrage des schwedischen Nachhaltigkeitsmagazins Aktuell Hållbarhet geben drei Viertel der börsennotierten Unternehmen an, dass sie über keine Strategie verfügen, aber begonnen haben, ihre Rolle in diesem Bereich zu erkennen.

Susanne Gløersen: "Viele Unternehmen haben große Fortschritte gemacht und arbeiten seit langem an Themen wie der Abholzung von Wäldern. Aber in Zukunft werden wir sehen, dass sich Unternehmen und Investoren in größerem Umfang mit Fragen der biologischen Vielfalt und der Natur befassen. Es gibt sogar Unternehmen wie das dänische Energieunternehmen Ørsted, die sich zum Ziel gesetzt haben, netto-positiv zu sein, das heißt sich für die Wiederherstellung und Verbesserung der biologischen Vielfalt einzusetzen. Wir werden immer mehr Unternehmen sehen, die sich solche Ziele setzen, um 'Netto-Natur-positiv' zu werden."

Beratung und Finanzlösungen

Ihrer Ansicht nach kommt der SEB als Bank eine Schlüsselrolle bei der Beratung von Unternehmen und Investoren zu diesem Thema zu - aber auch bei der Entwicklung neuer Finanzlösungen.

"Ich glaube, dass sich in diesem Bereich nachhaltigkeitsbezogene Finanzierungen herausbilden werden. Wir werden Biodiversitätsanleihen sehen, bei denen Unternehmen wissenschaftsbasierte Ziele für die Natur mit ihrer Finanzierung verknüpfen können."