25.02.2020 15:17

Welchen Einfluss hat das Corona-Virus auf Wirtschaft und Aktienmärkte?

Die Aktienmärkte reagieren nervös auf die Ausbreitung des Corona-Virus. Aber was bringt die Anleger zum Handeln? Wie groß sind die wirtschaftlichen Auswirkungen, welche langfristigen Effekte hat das auf den Aktienmarkt und wie sollte ich als Privatanleger handeln? Håkan Frisén, Leiter Economic Forecasting, und Johan Hagbarth, Anlagestratege, geben Antworten auf diese und weitere Fragen.

1. Wie ernst ist die Situation?

Natürlich ist es noch sehr unsicher, wie sich die Verbeitung des Virus in den kommenden Monaten entwickeln wird. Im Moment scheint es sowohl positive als auch negative Anzeichen zu geben. In China gibt es zwar Hinweise auf eine Stabilisierung, aber gleichzeitig ist es beunruhigend, dass sich das Virus jetzt auch in Italien, Südkorea und im Iran anscheinend rasch ausbreitet. Regierungen auf der ganzen Welt reagieren mit harten Maßnahmen, um die Ausbreitung unter Kontrolle zu bringen.

2. Werden die wirtschaftlichen Auswirkungen so groß sein, dass sie makro-ökonomische Folgen haben?

Ja, das ist höchstwahrscheinlich unvermeidbar. Im Gegensatz zu den meisten anderen Arten von Risiken und Krisen der vergangenen Jahre hat der Corona-Virus auf verschiedene Weise direkte wirtschaftliche Folgen. Dies gilt vor allem für China, wo wesentliche Teile der Wirtschaftstätigkeit stillgelegt wurden und sehr große Gruppen von Menschen nicht zur Arbeit gehen können. Es ist daher klar, dass das BIP-Wachstum im ersten Quartal spürbar beeinträchtigt werden wird. Danach wird ein Großteil des Erholungskurses wie ein V, U oder L geformt sein. Eine V-Form bedeutet eine schnelle Erholung, das heißt die gleiche wie bei früheren Virusausbrüchen. In einem U-förmigen Szenario würde die Unsicherheit für einen längeren Zeitraum bestehen bleiben, aber die Erholung würde durch eine Normalisierung der Situation unterstützt, und eine expansivere Finanzpolitik würde Wirkung zeigen. Das unwahrscheinlichste Szenario, ein "L", würde einen sehr langen Produktionsausfall nach sich ziehen.

3. Wie groß werden die Auswirkungen sein?

Es ist noch zu früh, um das zu sagen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat soeben seine vorläufige Prognose veröffentlicht, in der das BIP-Wachstum Chinas für das gesamte Jahr 2020 um 0,4 Prozentpunkte nach unten korrigiert wurde und voraussichtlich 5,6 Prozent betragen wird. Gleichzeitig schätzt der IWF, dass das globale Wachstum um 0,1 Prozent gedämpft wird. Dies ist wahrscheinlich zu optimistisch, da der IWF prognostiziert, dass das BIP bereits im zweiten Quartal ein normales Niveau erreichen wird. Höchstwahrscheinlich werden wir mit einem U-förmigen Szenario etwas größere Auswirkungen als dieses sehen. Wir können in Kürze mit Schätzungen internationaler Organisationen rechnen, in denen das globale Wachstum für das erste Quartal um etwa einen Viertelprozentpunkt gedämpft wird. Unterbrechungen in den globalen Produktionsketten und ein Rückgang der Reisetätigkeit sind Faktoren, die sich direkt auf Angebot und Nachfrage auswirken werden, was zu Welleneffekten in der gesamten Weltwirtschaft führen wird.

4. Wie können Regierungen und Zentralbanken die Auswirkungen abmildern?

Zunächst einmal kann man sagen, dass die Behörden in vielen Ländern schnell reagiert haben, um das Risiko einer Verbreitung des Virus im eigentlichen Ansteckungsprozess zu minimieren. Hinzu kommen bereits politisch-ökonomische Maßnahmen, wie eine Zinssenkung in China und finanzpolitische Maßnahmen in mehreren Ländern. Ein wichtiger Bereich wird es sein, sicherzustellen, dass die Sektoren und Unternehmen, die am stärksten von der Krise betroffen sind, Hilfe durch Kreditunterstützung erhalten. Der Markt berücksichtigt nun auch zunehmend die Zinssenkungen der US-Notenbank. Solche Zinssenkungen würden die Risikobereitschaft in der gesamten Weltwirtschaft erhöhen, aber die Situation müsste sich erheblich verschlechtern, bevor die Fed handeln würde. Man sollte auch andere Gegenkräfte nicht unterschätzen, die die Auswirkungen über eine gewisse Zeit hinweg mildern könnten. Auf der Nachfrageseite werden die Haushalte wirtschaftlichen Spielraum für einen verstärkten Konsum in anderen Bereichen gewinnen, wenn zum Beispiel der Reiseverkehr eingeschränkt wäre. Gleichzeitig können viele Produktionsbetriebe das Wachstum im Laufe des restlichen Jahres beschleunigen, um die übervollen Auftragsbücher abzuarbeiten. Die Finanzmärkte werden sich bald auch auf die Wachstumszahlen für 2021 konzentrieren, und wenn wir nicht in einem längeren L-förmigen Szenario enden, ist es vernünftig zu glauben, dass das Produktionsniveau im Jahr 2021 nur geringfügig vom Corona-Virus beeinflusst wird. Dies bedeutet, dass die für das gesamte Jahr 2020 vorgenommenen Abwärtsanpassungen hauptsächlich durch entsprechende Aufwärtsanpassungen für 2021 ausgeglichen werden.

5. Wie werden die Aktienmärkte und die Unternehmensgewinne beeinflusst?

Wie bereits erwähnt, wird der Virus das weltweite Wachstum im laufenden Jahr beeinträchtigen, auch wenn unklar ist, wie stark und wie schnell die Erholung sein wird. Dies bringt eine größere Unsicherheit bezüglich der Unternehmensgewinne mit sich, was für die Stimmung am Aktienmarkt niemals eine gute Nachricht ist. Die meisten Analysten erwarten, dass viele Unternehmen ihre Gewinnprognosen für das erste Quartal nach unten korrigieren müssen, und einige Unternehmen haben bereits darauf hingewiesen, dass dies der Fall sein wird. China ist heute für eine große Anzahl von Rohstoffen und Produkten der größte Markt der Welt . Gleichzeitig wird das Land oft als die Fabrik der Welt bezeichnet: Produkte, die weltweit verkauft werden, werden in China hergestellt, und viele Unternehmen sind für ihre Produktion an anderen Standorten von chinesischen Subunternehmern abhängig. Wenn große Teile der chinesischen Wirtschaft wie in den letzten Wochen zum Stillstand kommen, hat dies harte Auswirkungen auf Produktion und Konsum, das heißt auf Angebot und Nachfrage. Apple gehört zum Beispiel zu den Unternehmen, die bereits davor gewarnt haben, dass sowohl die Produktion als auch der Absatz im ersten Quartal negativ beeinflusst werden.

6. Warum fallen die Aktienmärkte erst jetzt?

In den vergangenen Tagen sind die Aktienmärkte trotz der Sorgen allgemein gestiegen. Dies liegt zum Teil daran, dass die meisten erwartet hatten, dass die Auswirkungen des Virus relativ kurzfristig sein würden und dass Wachstum und Gewinne bald wieder zu dem zuvor recht positiven Trend zurückkehren würden, sodass sich die Auswirkungen auf das erste Quartal beschränken würden. Sowohl die Makrostatistiken als auch die Gewinnberichte der Unternehmen für das vierte Quartal zeichneten ebenfalls ein recht helles Bild des Aktienmarktes. Es ist jedoch wichtig, sich daran zu erinnern, dass diese auf Daten vor dem Ausbruch des Virus beruhten. Letzendlich erwarten die Investoren von den Behörden und Zentralbanken die für das Wachstum notwendige Unterstützung, um die Auswirkungen abzuschwächen und dauerhafte Auswirkungen zu vermeiden.

7. Wie werden die langfristigen Auswirkungen den Aktienmarkt beeinflussen?

Das hängt natürlich davon ab, wie lange es dauert, bis die wirtschaftliche Erholung in Gang kommt. Angesichts unseres Hauptszenarios, dass die Erholung V- oder U-förmig verlaufen wird (wir kehren zum vorherigen Wachstumstrend zurück), erwarten wir, dass die Aktienmärkte schließlich verlorenes Terrain zurückgewinnen werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass die extrem niedrigen Zinssätze zu einer deutlichen Verknappung der Alternativen zu Aktien führen. Es mag zynisch erscheinen, aber in einem solchen Szenario können durch Sorgen verursachte Abschwünge Kaufgelegenheiten darstellen. Gegenwärtig sind wir jedoch - bevor wir wissen, wie sich das Virus auf andere Länder neben Italien ausbreiten wird, und wegen des Risikos neuer Rückgänge in der nahen Zukunft - vorsichtig bei der Anlage in Aktien.

8. Wie sollte ich als Privatanleger handeln?

Es ist immer eine gute Idee, Ihre Investitionen zu überprüfen und sicherzustellen, dass Sie eine gute Risikostreuung und ein optimales Niveau von Risikoanlagen wie Aktien haben. Die niedrigen Zinssätze und die relativ günstigen Wachstumsaussichten, die vor dem Ausbruch des Corona-Virus herrschten, legen nahe, dass ein langfristiger Investor weiterhin einen normalen Anteil an Aktienanlagen hält.